Rennsteiglied

12.Mai 2012, 03:45 Uhr
Ein Gasthof am Einstieg des Thüringer Rennsteigs.
Ich bin wach. Kann nicht mehr schlafen. Zuviele Unbekannte. Der Tag wird ein unlösbares Gleichungssystem sein. Ergebnis völlig offen! Deaktiviere den Wecker, damit Brackelfrau noch etwas schlafen kann.

04:01 Uhr
Der Wecker klingelt nicht.

04:22 Uhr
Morgentoilette erfolgreich beendet. Melkfett unter die Arme geschmiert. Andere Stellen mit Heftpflaster vor Abrieb geschützt. Erspare dem Leser lieber weitere Details.

04:37 Uhr
Anderhalb Brötchen mit Honig müssen um diese Uhrzeit genügen. Dazu eine kleine Sensation: der Gasthof (als Unterstützer des Rennsteiglaufs) serviert Kaffee, um 04:38 Uhr!

05:22 Uhr
Parkhaus in Eisenach. Brackelfrau hilft mir beim Anbringen der Startnummer. Ich verzichte darauf, eine Jacke anzuziehen.

05:27 Uhr
Marktplatz in Eisenach. 10 Grad Celsius. Habe leider keine Jacke an, mich fröstelt.

05:55 Uhr
ca. 2600 Läufer, deren Familien, Freunde und Betreuer beobachten amüsiert das allmähliche Zusammenfallen des mit Druckluft gefüllten Startbogens. Helfer stützen den Startbogen. Musik: „I’ve got the power“, „Das Rennsteiglied“. Den „Schneewalzer“ wie in Neuhaus gibt es hier nicht. Schade.

06:00 Uhr
Start zum Supermarathon. Mario hatte ein Jahr lang mit sowohl direkten als auch subtilen Überredungskünsten darauf hin gearbeitet, dass ich mich mit ihm an eine Startlinie stelle, die 72.7 km und 1400 aufsteigende Höhenmeter vor der Ziellinie liegt. Originalton: „Es gibt zwei Möglichkeiten, um als anerkannter Rennsteigläufer zu gelten. a) Man läuft wenigstens einmal in seinem Leben von Eisenach nach Schmiedefeld. b) Man lernt das Rennsteiglied, so dass man es zu jeder Tageszeit frei intonieren kann.“ Variante b) war mir zu blöd.

unterwegs:
Ein Läufer fotografiert am Ortsausgang von Eisenach ein Transparent einer Rennsteiglauf-begeisterten Hausgemeinschaft: „nur noch 70 Kilometer bis Schmiedefeld“. Ein Läufer fragt an einer riesigen Pfütze, ob es vielleicht doch ein Triathlon wäre. Wanderer intonieren das Rennsteiglied. Ich stelle fest, dass die Textzeile „bin ich weit in der Welt…“ zu DDR-Zeiten doch etwas makaber daher kam, da die Welt ja im Normalfall an der Ostsee und im Riesengebirge zu Ende war. Eine Läuferin beteilgt sich an der politischen Diskussion: „Mit dem Trabi waren auch diese Ziele immer eine kleine Weltreise“. So hatte ich das noch gar nicht betrachtet. Die Ultraläufer sind mir sympathisch.

zwischendurch:
Brackelfrau und Dieter lauern uns bei Kilometer 17, 30, 40 und 54 auf. Eine logistische Meisterleistung, da die Rennsteig-querenden Straßen an diesem Tag nur sehr eingeschränkt befahrbar sind. Wir bekommen moralische Unterstützung, trockene Wechselsachen, Squeezy’s.

Lösungswege:
Ein Schild erscheint: 50 km. Mario: „Los Thomas, hol es dir!“ Ein weiteres Schild erscheint: 60 km. Mario: „Thomas, hol es dir!“. Wir beschließen, unser inzwischen erhöhtes Tempo weiterzufahren, aber nicht auf der letzten Rille, um noch Reserven zu haben, falls doch der „Mann mit dem Hammer“ vorbeischaut.

Sturz
Unser Tempo hat in Bezug auf den hohen Kilometerstand ein irrwitzig hohes Level erreicht. Wir überholen permanent andere Läufer! Dann, eine Abfahrt, schottrig und steil abfallend. Alles geht sehr schnell. Mario geht zu Boden. Ein kurzer Aufschrei. Er hält sich sein rechtes Auge. Es blutet. Ich vermute eine Platzwunde und laufe zum nächsten Sanitätsstand. Zum Glück ist dieser nur hundert Meter voraus. Mario erhält Erste Hilfe – Wundversorgung rund ums Auge. Mario sagt, dass wir weiterlaufen können. Das machen wir dann auch.

Zieleinlauf
Es geht nun überwiegend leicht bergab, und wir finden wieder einen guten Schritt. Bei Kilometer 72 spüre ich eine große Müdigkeit in den Beinen. Die letzten 700 Meter tun dann auch weh. Mario motiviert mich noch einmal.
7 Stunden 41 Minuten und 29 Sekunden
Beim Zieleinlauf gelingt es mir, eine Art Lächeln hinzubekommen.

Ausblick:
Sehnsucht nach Betonplatten und Industriegelände. Habe in letzter Zeit einfach zu viele Bäume gesehen.

Mir ist es egal, ob ich verliere!

Meine Eltern spielten bis vor einigen Jahren „Siedler“, und zwar ziemlich oft und mit Begeisterung. Eigentlich war alles prima. Sie schalteten den Fernseher seltener ein. Sie trafen sich mit den Nachbarn, um Erweiterungen auszuprobieren und um somit größere Flächen des Esstisches zu besiedeln. Sie hatten offensichtlich eine Form des Wettstreits gefunden, der ihnen viel Freude bescherte.
Dann kam mir die Idee, ihnen zu Weihnachten „Carcassonne“ zu schenken, um etwas Abwechslung in den Strategiespiel-Alltag zu bringen. Das war der Anfang einer neuen „Qualität“.
Denn jetzt wird nicht mehr gespielt. Es wird gekämpft – und zwar ohne Rücksicht auf Verwandte. Der Städtebau des Gegners wird blockiert, an Straßen wird sich „angeflanscht“, Wiesen werden neutralisiert, um die Wirkung des Punkte bringenden Schweinchens in Luft aufzulösen, fremde Städte werden fertiggestellt, um die Rohstoffe einzuheimsen. Destruktion und Mitnahme-Mentalität wurden plötzlich legitimer Bestandteil der Spielstrategie! Und jetzt kommt das Allerschlimmste. Nur so macht das Spielen richtig Spaß – ich bin dabei!

+++ live +++ vom Schlachtfeld +++

Runaway

Frühstück. Hirse-Buchweizen-Müsli mit Mutters Konfitüre „Rote / Schwarze Johannisbeeren u. Erdbeeren“ vom 05.07.11. Versuche dem Kaffeeautomaten ein schwarzes heißes Gebräu zu entlocken. Leider ist der Netzstecker des sich rechts von der Herdplatte befindlichen Automaten am Automaten rechts angebracht, wo hingegen die nächstliegende Steckdose sich links vom Herd befindet. Netzkabel zu kurz! Es hilft nichts, ich muss das Kaffeemaschinen-Monster in Richtung Steckdose verschieben.
Bei meinem Drucker führe ich -egal in welchem Zimmer und mit welchem Rechner ich gerade etwas ausdrucken möchte- immer sowohl das Netzkabel als auch das USB-Kabel am kompletten Gerät vorbei. Da sind beide Anschlüsse an der falschen Seite angebracht!
Im Radio läuft „Runaway“ von Gemma Ray. Vielleicht ein Lösungsansatz.

Kaffeeautomat in bereits betriebsbereiter Konfiguration.
So sieht das Ganze aus, wenn der Hersteller nicht mitdenkt!